Paul Farmer: „Die Welt nach COVID könnte weitaus menschlicher sein“

Paul Farmer: „Die Welt nach COVID könnte weitaus menschlicher sein“

Dr. Paul Farmer ist ein amerikanischer medizinischer Anthropologe und Arzt. Er ist Mitbegründer und Chefstratege von Partners In Health (PIH), einer internationalen gemeinnützigen Organisation, die die Vorteile der modernen medizinischen Wissenschaft zu denen bringt, die sie am meisten brauchen. Wir sprachen mit ihm über seinen Lebensweg als Arzt und globaler Gesundheitsstratege, der humanitäre Arbeit als Mittel zur Verhinderung von Gewalt in der Welt nutzt.

Ich wuchs in einer großen Familie in einfachen Verhältnissen auf. Viele Jahre lang lebten wir in einem Bus oder einem Boot. Später wurde mir aber auch klar, dass ich in einer sehr intakten, liebevollen Familie aufgewachsen war, in der für uns alle bestimmte kulturelle Vorstellungen bestanden. Ich betrachte mich nicht als jemanden, der mit Entbehrungen aufgewachsen ist, auch wenn es von außen so erscheinen mag. Ich wusste, dass keiner von uns in irgendeiner Weise wirklich zu leiden hatte. Wir sahen Wanderarbeiter in Florida, die unter unmenschlichen Bedingungen arbeiteten, und das hat etwas in mir geweckt, und zwar schon in meiner Kindheit. 

Ich wollte schon immer Arzt werden, aber ich wusste nicht, warum. Für mich gab es immer eine Verbindung zwischen Medizin und humanitärer Arbeit. Ich mag den direkten Kontakt mit den Patienten und die Vorstellung, dass man jemandem hilft, der in Not ist, und zwar in der Regel in einer viel größeren Not als man selbst. So bin ich dazu gekommen, und seitdem gefällt mir der Beruf des Arztes. Mein Leben hat sich im Laufe der Jahrzehnte stark verändert, aber die Freude an der Versorgung von Menschen ist immer noch da.

Partners In Health

Ich kam 1983 nach Haiti, das war also gegen Ende der Duvalier-Diktatur. Ich wusste, dass ich in Haiti eine Menge über ein neues Land lernen würde. Ich wollte unbedingt Neues lernen, und das war Teil meines Projekts. Ich wollte mehr über die Geschichte Haitis, die Kultur, die Kunst und alles andere erfahren. Aber es hat mich auch darin bestärkt, mich als Arzt zu engagieren. In diesen Jahren habe ich viele Dinge gesehen, die ich lieber nicht hätte sehen wollen, aber sie haben mich etwas gelehrt. Und diese frühen Jahre in Haiti haben meinen Wunsch gefestigt, als ein Arzt zu arbeiten, der sich in erster Linie um die Bedürfnisse armer Menschen kümmert. Deshalb haben wir Partners In Health gegründet.

 

Personal, Material, Räume, Systeme, Unterstützung

Man braucht immer Personal, man braucht Material, man braucht Verbrauchsmaterial, man braucht womöglich COVID-Impfstoffe, chirurgische Instrumente. Man braucht Räume zum Arbeiten, und wenn man mitten in einem Erdbeben ist und das Krankenhaus zusammenbricht, hat man keine Räume mehr, wenn man mitten in einer Ebola-Epidemie ist und keine Behandlungsstation für Ebola hat, in die man sicher hineingehen und aus der man sicher herauskommen kann. Dann braucht man wieder mehr Räume. Aber es ist immer die gleiche Liste: Personal, Material, Räume, Systeme. So ist beispielsweise die Infektionskontrolle ein System. Aber auch die pünktliche Bezahlung der Krankenpflegekräfte ist ein System. Und dann schließlich die Unterstützung. Jeder braucht Unterstützung – die Patienten, vor allem die Betroffenen, aber manchmal sind es auch die Gesundheitsdienstleister und -manager, die Unterstützung brauchen. Es geht also um diese kleine Liste mit Personal, Material, Räumen, Systemen und Unterstützung.

 

Die Herausforderungen durch COVID-19

Der Ausbruch von COVID-19 war für unser weltweites System von Partners In Health ein schwerer Schlag. Wir sind in 11 bis 12 Ländern tätig und beschäftigen dort 15.000 bis 16.000 Mitarbeiter. Um ein Beispiel zu nennen: Wir haben über 6.000 Mitarbeiter in Haiti. Sie sind alle Haitianer. Wir haben Tausende Ruander in Ruanda. Es war uns von Anfang an klar, dass wir an allen Orten, an denen wir aktiv sind, davon betroffen sein würden, und es hat sich gezeigt, dass dies besonders in den Vereinigten Staaten der Fall ist. Wir erkannten, dass vieles von dem, was wir in Haiti, Ruanda und Sierra Leone im Kampf gegen Ebola gelernt hatten, auch für die Situation in den Vereinigten Staaten relevant war. In Haiti haben wir das nationale Behandlungszentrum für COVID eingerichtet und gleichzeitig auch an Impfstrategien usw. gearbeitet. COVID hat einen Großteil unserer Arbeit auf den Kopf gestellt, aber es hat uns auch stärker gemacht und uns zusammengebracht – leider nicht im physischen Sinne. 

Die COVID-Erfahrung war eine Bestätigung - jedenfalls für mich -, dass es richtig war, einen Großteil unserer Energie und unserer Ressourcen auf den Aufbau lokaler Kapazitäten zu konzentrieren. Wir haben gut daran getan, in lokale Einrichtungen zu investieren, seien es Krankenhäuser, Gesundheitsministerien, Universitäten, Schulen, wie in Ruanda, Haiti und Malawi, um all diese Orte beim Aufbau lokaler Kapazitäten zu unterstützen. Ich denke also, dass wir mehr Energie und Zeit darauf verwenden werden, in diesen Teil des Systems zu investieren, und das erfordert natürlich Ausbildungsprogramme, Universitäten und das, was die Amerikaner als Weiterbildung für Ärzte und Krankenpflegepersonal bezeichnen, um Spezialisten zu werden. Das haben wir bereits in den letzten zehn Jahren in Ruanda getan und dabei viel gelernt. Und jetzt werden wir das bei unserer Arbeit überall verstärkt umsetzen. Eines unserer Hauptanliegen ist die lokale Produktion von COVID-Impfstoffen auf dem afrikanischen Kontinent. Genau das ist es, was man in diesem Bereich unter dem Aufbau lokaler Kapazitäten versteht. Es geht nicht nur darum, Impfstoffe zu importieren oder geschenkt zu bekommen, sondern zu lernen, wie man die Produktionskapazität für Impfstoffe selbst aufbaut. In Afrika werden 99 % aller verwendeten Impfstoffe aus anderen Ländern importiert, und wir haben am Beispiel von COVID gesehen, wie sehr sich dadurch die Einführung eines Impfstoffprogramms verzögern kann. So sollte es unserer Meinung nach nicht laufen. Die Ruander sollen ihre eigenen humanitären Aufgaben für sich selbst und für andere Teile Afrikas in der Welt wahrnehmen. Die Menschen in Haiti sollen ihren Beitrag zur globalen Gesundheit leisten, und die Navajo sollen ihren Beitrag zur gesundheitlichen Chancengleichheit in den Vereinigten Staaten und darüber hinaus leisten. Und ich denke, das ist auch die Intention hinter dem Aurora-Preis – eine Gemeinschaft von Menschen aufzubauen, die sich mit lebensrettender oder lebensfördernder Arbeit beschäftigen, und das ist auch möglich, und es kann funktionieren, und zwar schnell.

 

Aurora: Eine andere Denkweise

Der Aurora-Preis signalisiert eine neue Art, über humanitäre Arbeit nachzudenken und sie zu würdigen. Es geht um den Aufbau von Kapazitäten; es geht darum, andere zu stärken. Und selbst die Idee, dass wir alle die Bemühungen derjenigen dokumentieren sollten, die versuchen, den unbekannten Fremden zu retten, ist die goldene Regel, aber auch das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, das bis heute Bestand hat. Aus diesem Grund geht es schließlich darum, einem Fremden zu helfen. Das ist es, worum es geht. 

Und ich denke, es geht nicht nur darum, diese Arbeit zu fördern, sondern auch darum, ein Netzwerk von Menschen zu fördern und Menschen zusammenzubringen, die die gleichen Anliegen haben. Wir sollten uns nicht von menschlichem Leid abwenden, insbesondere von menschlichem Leid, das durch etwas verursacht wurde, das hätte verhindert werden können. Ich denke, der Aurora-Preis ist in dieser Hinsicht einzigartig. Ich muss auch sagen, dass der Preis formal mit dem Völkermord an den Armeniern verbunden ist. Das ist die schwierigste Art und Weise, eine Reflexion über die Rettung von Menschenleben inmitten eines Moments zu beginnen, in dem zu wenige von ihnen gerettet wurden. Aber ich habe das auch in Ruanda gesehen. Ich habe gesehen, wie Anerkennung, Verständnis und, ja, ein echtes Versprechen, dafür zu sorgen, dass sich so etwas nicht wiederholt, Menschen zusammenbringen können. Ich habe gesehen, dass die Menschen echte Fortschritte machen können. Das hat mein Denken über Konflikte für immer verändert.

Ich denke, die Konfliktkomponente ist in den Aurora-Preis einbezogen, die Überlegung, wie die Arbeit, die menschlich und damit humanitär ist, auch Gewaltausbrüche verhindern kann. Davon bin ich überzeugt. Wenn man sich ansieht, was in der Welt am meisten Unmut hervorruft, dann ist es meist die Ungleichheit. Aber das hängt oft mit Faktoren wie Bildung, Gesundheitsversorgung und der Möglichkeit zusammen, keine Not zu leiden. Wenn wir uns also um diese Bedürfnisse kümmern können, worauf sich Partners In Health konzentriert, werden wir in Zukunft weniger Probleme haben, und ich denke, dass dies auch für den Aurora-Preis und diese Gemeinschaft gilt.

Paul Farmer hat durch die Stärkung der Gesundheitssysteme in 11 Ländern Millionen von Menschen geholfen. Um furchtlosen Heldinnen und Helden von heute wie ihm dabei zu helfen, ihre lebensverändernde Arbeit fortsetzen zu können, unterstützen Sie bitte Aurora unter auroraprize.com/de/donate.