Sesede Terziyan: Melancholie und Gerechtigkeit

Sesede Terziyan: Melancholie und Gerechtigkeit

Sesede Terziyan im Interview mit 100 LIVES

Sesede Terziyan ist Nachkomme der Überlebenden des Genozids. Sie wird 1981 in Nordenham geboren und studiert an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Erste Rollen führen sie ans Deutsche Theater Berlin und an das Maxim Gorki Theater. 2005 ist sie Mitbegründerin des Berliner Off-Theaters Eigenreich. Nach einem Engagement in Göttingen geht sie als freie Schauspielerin nach Berlin und beginnt die Zusammenarbeit mit dem Ballhaus Naunynstraße. 2010 tritt sie in Nurkan Erpulats Inszenierungen „Lö Bal Almanya“ und „Verrücktes Blut“ auf und wird 2011 von der Fachzeitschrift Theater heute zur Schauspielerin des Jahres nominiert.

Sesede Terziyan spielt auch in Film- und Fernsehproduktionen wie im Tatort „Schatten der Angst“, wofür sie den Amnesty International Preis erhalten hat und in den Kinoproduktionen  „Almanya“, „ Einmal Hans mit scharfer Soße“ und im neuesten Film von Fatih Akin, „The Cut“.

Seit der Spielzeit 2013/2014 ist Sesede Terziyan Mitglied des Gorki-Ensembles. Zu ihren aktuellen Produktion gehören „Der Kirschgarten“, „Der Untergang der Nibelungen – The Beauty Of Revenge“, „Kinder der Sonne“, „Komitas,“ „Verrücktes Blut“ und „Zement.“

 

Sesede, heute bist du eine erfolgreiche Schauspielerin. Wie hast Du zur Schauspielkunst gefunden?

Ich hatte schon immer das Bedürfnis, zum Selbstausdruck zu kommen, was meiner Familie  in jeglicher Form weggenommen worden ist. Ich habe schon als Kind Musik gemacht, im Chor gesungen, Klarinette gespielt und im Teenager-Alter kam das Theater hinzu. Das hat mir immer viel Spaß gemacht. Mit sechzehn Jahren machte ich ein Praktikum in einem kleinen Theater-Atelier in der Stadt, wo ich auf Gymnasium gegangen bin. Das war für mich der Ort, neben Zuhause, wo ich so sein durfte, wie ich bin. Es hat niemanden interessiert, welche Herkunft ich habe, welche Religion ich habe, welche Sprache ich sprechen kann, warum ich aussehe, wie ich aussehe. Ich konnte mich in meinem Seinszustand komplett entfalten.

Du warst also mit Identitätsfragen konfrontiert?

Als wir von Niedersachsen nach Baden-Württemberg umgezogen sind, war ich gerade eingeschult. Dort bin ich dann in eine Klasse gekommen mit 36 Schülern aus unterschiedlichen Ländern. Die Frage nach der Identität – also auch der Ausgrenzung - hat zu diesem Zeitpunkt angefangen. Da war ich gerade sieben.

Und dann kamen die Identitätskrisen?

Ja. In Baden-Württemberg war ich der Fischkopf. Ich war die einzige, die Hochdeutsch gesprochen hat, ich habe den schwäbischen Dialekt erst gar nicht verstanden. Dann diese unterschiedlichen ausländischen Gruppierungen, die es gab. Man hatte Portugiesen, man hatte Italiener, man hatte die Türken und die Griechen. Ich saß da als einzige anatolische Armenierin, die auch noch hochdeutsch spricht und zu keiner Gruppe wirklich passt.

Du hast eine lange Reise nach Anatolien gemacht und auch Interviews geführt. Welche Erfahrungen machtest Du?

Es ist sehr schwierig. Viele in der Türkei wissen gar nichts vom Völkermord oder von Armeniern wegen der Geschichtsumschreibung. Wenn ich ihnen sage, ich bin anatolische Armenierin, wundern sie sich. In den letzten hundert Jahren hat man Unwissenheit gepflegt, eine Unwissenheit auch über die eigene Herkunft. Wenn ich von mir erzähle, ist es oft so, dass viele dann anfangen sich selbst zu fragen: „Warte mal, wie ist denn das bei mir, ich weiß es selbst nicht, ich kann da eigentlich gerade mal, wenn ich Glück habe, bis zu meinen Großeltern zurückgehen“.  Ihr Gedächtnis beginnt mit der Gründung der türkischen Republik.

Ich flog nach Anatolien, um mehr über meine Herkunft zu erfahren. Die ersten Ansprechpersonen waren natürlich meine Familienangehörigen, die heute noch in Istanbul leben, auch mein Opa mütterlicherseits.

Du hast ziemlich spät über deine Familiengeschichte erfahren, warum?

Meine Eltern haben viele Dinge mir erzählt als ich 16 und 17 war. Als ich meinen Vater gefragt habe, warum hast du es mir nicht früher erzählt, sagte er, „wenn ich es früher erzählt hätte, wusstest du nicht, die Informationen richtig zu kanalisieren. Es bringt nichts unbegründet Hass auf irgendwelche Leute zu schüren, die eventuell gar nichts dafür können. Wahrscheinlich wurde ein armer Mensch der hungrig war, dafür bezahlt, das Kino, das wir in der Türkei betrieben, niederzubrennen. Ihm kann ich das nicht zum Vorwurf machen.“

Du definierst dich als norddeutsches Mädchen mit einer anatolischen Seele. Was meinst Du mit „anatolischer Seele“?

Eine tiefe Melancholie, eine ganz tiefe Sehnsucht nach Gerechtigkeit, eine Sehnsucht anzukommen. Ich trage das Karma des Nomadentums, das meiner Familie im letzten Jahrhundert widerfahren ist. Ich bin mit Sätzen groß geworden: Kind, dein ganzes Hab und Gut muss in eine Tasche passen, weil es sein kann, dass du morgen auch dieses Land verlassen musst. Ich lebe in einem System, ich bin auch ein Teil des Systems, aber ich glaube an kein System.  

Die Geschichte deiner Vorfahren scheint dich und deine Identität stark beeinflusst zu haben?

Ja. Mein Vater ist ein Kunstliebhaber, von seiner Haltung her alter Marxist. Das Interesse an Film,  Literatur,  Kunst und Kultur muss ich von ihm und meinem Großvater Aram geerbt haben. Das hat sich mein Vater gewünscht, als er mit uns nach Deutschland kam, er wollte, dass wir unsere Identität von innen entwickeln, frei von nationaler Identität und gegebenen Normen. Ich hab von meinem Vater sehr früh gelernt, die Dinge zu hinterfragen. Nie die Dinge so anzunehmen, wie sie zu sein scheinen. Was als Kind manchmal auch sehr hart ist, weil man oft die Dinge so sein lassen möchte, wie sie sind. Und dafür bin ich ihm sehr dankbar. Es gibt Menschen, die sagen, ich identifiziere mich über meine Sprache oder über meine Religion.  Das alles kann ich so nicht unterstreichen. Manchmal wünschte ich es mir, weil es einfacher gewesen wäre. Aber nur auf den ersten Blick. Ich weiß, dass einem alles genommen werden kann. Ich weiß auch, dass mir morgen meine Sprache genommen werden kann. Aber trotzdem „bin ich“.  

Ist es denn für dich wichtig, dass es das Land „Armenien“ gibt?

Das ist eine interessante Frage. Ich denke, dass es ganz wichtig ist, dass es das Land gibt, weil es für die verstreute Gemeinschaft, wie die armenische Gemeinschaft eben eine verstreut ist, sowas wie einen Nabel erstellt. Für mich ist Armenien so etwas wie Arche Noah. Ich glaube, wenn es das Land als solches nicht geben würde, so wie die armenische Kirche, dann hätte sich die armenische Identität nicht halten können. Es ist so etwas wie ein Anker. Trotzdem träume ich oft davon, wie es wäre, wenn es keine Grenzen gäbe, keine Flaggen, keine Nationen. Wenn es eine Selbstverständlichkeit für Vielfalt gäbe! Keine Zuschreibungen mehr! Es ist doch völlig absurd die Erde in Grenzen zu teilen. Welch eine absurde Welt wir Menschen uns errichten.

Warst Du schon in Armenien?

Ich wollte vor vier Jahren nach Armenien reisen, musste die Reise jedoch verschieben. Mein Vater war zu dem Zeitpunkt schwer erkrankt. Armenien war für mich ein bisschen wie Utopia und gleichzeitig eine Projektionsfläche meiner Ängste. Ich dachte früher: Sesede, du kannst kein Armenisch sprechen, wie werden dich die Leute da aufnehmen? Die werden wahrscheinlich sagen, du bist Türkin und keine Armenierin.

Hattest Du Angst, dass es keinen Platz für dich in der „Arche Noah“ gibt?

Ja, vielleicht. Du weißt nicht, was dich dort erwartet, die Gefahr besteht, dass es dich kaputt macht. Mit diesen Dingen bin ich groß geworden. Einige sagten zu mir, du bist Giaur. Das ist ein türkisches Schimpfwort und bedeutet so viel wie ein Gottloser, unter den Deutschen bist du Ausländer und unter Armenier bist du jemand, mit einer ganz anderen Sozialisierung. Letztes Jahr im Sommer war ich für unser Komitas Projekt an der türkisch-armenischen Grenze in Ani. Die Natur war wie Musik in den Ohren, es schien mir, als ob ich im Wind die Duduk hören konnte. Ich werde diesen Augenblick nicht vergessen, dieser Augenblick von unendlicher Stille. Mein erster Eindruck Armeniens sozusagen.

Du strahlst vor Glück, wenn Du über das Theater sprichst. Lebst Du gerade deinen Traum?   

Ja. Das tue ich. Ich fühle tiefe Dankbarkeit meinem Vater gegenüber dafür, dass er seinen Kindern es ermöglicht hat, mit einem freien Geist aufzuwachsen. Er hat uns den Schlüssel zum Glück gegeben, das ich nun auch gefunden habe. In letzter Zeit treffe ich immer mehr Menschen, die so denken wie ich und für dieselbe Sache kämpfen. Sie erzählen Geschichten mit ihrer Kunst, die bisher nicht erzählt worden sind, weil es keinen Raum dafür gab. Diesen Raum gibt es jetzt, es holt ein Stück Gerechtigkeit zurück, ja so fühlt es sich an.

 

Foto: Jörn Kipping